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Antonia Katharina Gertraude Scherer

   
geboren am 12.09.1905 in Forchheim
Straße  Konradstraße 5
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum04.10.1940
Todesdatum16.10.1940
TodesortGroßschweidnitz
   
kath., led., Haustochter (ehemalige Klosterschwester)
26.03.1932 (1.Aufn. freiw.,)Psychiatrie Würzburg
19.05.1932 Heil- und Pflegeanstalt Werneck
04.10.40 Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz
16.10.40 Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz, an Kreislaufversagen gestorben
   
Antonia Scherer wird am 12. September 1905 als neuntes Kind der Eheleute Heinrich und Kunigunde geb. Rottel in Forchheim geboren. Drei der Geschwister versterben bereits kurz nach der Geburt oder im ersten Lebensjahr. Vier Schwestern Anna geb. 1896, Babette geb. 1898, Margarete geb. 1902 und Louise (genannt Rosa/Rosie) geb. 1903 und ein Bruder Paul geb. 1899 ziehen mit den Eltern nach Forchheim. Ob in Forchheim noch weitere Kinder geboren werden ist nicht belegt. Die Familie lebt bis Januar 1905 in Würzburg, bis der Vater als Finanz- und Rechnungskommissär (k u. K Amtmann) im Januar 1905 nach Forchheim versetzt wird.
1927 kehrt die Familie nach Würzburg zurück und lebt in der Konradstr. 5.
Antonia Scherer ist eine gute Schülerin. Sie studiert an der Universität Erlangen und besteht das Erzieherinnenexamen mit Note 2. Kurz nach dem Examen glaubt sie sich unfähig zu diesem Beruf und entschließt sich unter dem Einfluss ihres Beichtvaters ins Karmelitenkloster zu gehen, wo sie sich etwa 3 Jahre aufhält. Gegen Ende dieser drei Jahre kann sie sich immer weniger der Klosterordnung fügen und kehrt deshalb 1931 verändert nach Hause zurück. Auch hier findet sie sich immer weniger zurecht, sie streunt tagelang in der Gegend herum, glaubt sich kasteien zu müssen, betet sehr viel und will nach Rom pilgern.
Am 26.03.1932 wird sie in der Psychiatrie Würzburg behandelt (katatoner Stupor).Da dieser Aufenthalt keine Heilung zeigt, wird sie am 19.05.1932 dauerhaft in die Heil- und Pflegeanstalt Werneck eingewiesen.
In der Heil- und Pflegeanstalt Werneck ist sie unzugänglich, spricht und antwortet nicht und ist zeitweise aggressiv sich selbst und anderen gegenüber. Insgesamt ist Antonia psychisch weitgehend abgebaut und zu keiner Arbeit fähig.
In der Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Werneck findet sich 1934 ein Brief der Schwester Rosie an den behandelnden leit. Arzt, in dem sie fragt, ob die Krankheit der Schwester vererblich sei, da sie sich verloben möchte und ihr zukünftiger Verlobter das wissen möchte. Der Arzt antwortet:\\\"Die Wahrscheinlichkeit zu erkranken ist nicht sehr groß, wenn Sie bisher geistig gesund waren. Sie müssen vor allem Wert darauf legen, dass Ihr Ehegatte aus einer geistig gesunden Familie stammt.\\\" (Zitat aus dem Brief)
In den folgenden Jahren verschlechtert sich ihr Zustand immer mehr. Sie erhält laufend stark beruhigende Medikamente. (2x1,0 Trional)
In den Jahren bis 1940 gibt es keine Veränderungen in ihrem Verhalten. Sie ist weiterhin nicht ansprechbar, gewalttätig und aggressiv sich selbst, Mitpatientinnen und dem Pflegepersonal gegenüber, laut und unordentlich und liegt oft den ganzen Tag im Bett. Wenn sie sehr selten mal antwortet wird ihr kurzes \\\"Ja\\\" oder \\\"Nein\\\" von mariniertem Lächeln begleitet.
Am 04.10.1940 wird Antonia Scherer mit dem Sammeltransport Nr. 4/Bayern morgens um 10:00 wegen Räumung der Anstalt Werneck in die Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz verlegt.
In den wenigen Tagen bis zu ihrem plötzlichen Tod am 16.10.1940, verschlechtert sich ihr Allgemeinzustand zunehmend, auch durch die Verweigerung jeglicher Nahrung. Die offizielle Todesursache lautet Kreislaufversagen.
Wir wissen, dass in der Anstalt Großschweidnitz viele Patienten noch vor dem Weitertransport in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein mit der häufig angegebenen Todesursache Kreislaufversagen kurze Zeit nach ihrer Ankunft verstorben sind. So ist davon auszugehen, dass auch Antonia Scherer getötet wurde. Sie wird 35 Jahre alt.
Abschrift eines Briefes der Mutter vom 30. Okt. 1940: An die Direktion der Heil- und Pflegeanstalt Werneck. Am 6.10.40 erhielten wir von der Landes-Heilanstalt Großschweidnitz die Mitteilung, daß meine Tochter ab 4.10.40 dorthin verlegt worden war u. am 17.10.40 die traurige Nachricht, daß sie bereits am 16.10. hier infolge der weiten Reise u. Aufregung dort verstorben ist. Es hat uns außerordentlich leid getan, daß wir das arme Kind nicht noch vorher einmal in Werneck besuchen konnten, wenn wir gewußt hätten, daß sie so weit weg verlegt wird.- Am 10. Sept. 40 hatten Sie mir mitgeteilt, daß ich für das Rechnungsjahr 1940/41 RM 350,- aus dem Fonds erhalten habe. Da meine Tochter Antonie Scherer nur gerade noch 6 Monate in Ihrer Anstalt war, so würden wahrscheinlich noch für das 2. Halbjahr 175,- RM zur Verfügung stehen u. möchte Sie hiermit ergebenst anfragen, ob dieses Geld mir nicht für meine Auslagen, die ich durch den Tod meiner Tochter in Großschweidnitz gehabt habe, gut geschrieben werden kann. Für die paar Tage Aufenthalt für meine Tochter Antonie und die Beerdigungskosten habe ich gestern eine Rechnung von 168,60 M erhalten, außerdem hat die Reise zur Beerdigung allein schon 50,-M gekostet, die Nebenausgaben garnicht gerechnet. Ich könnte da diesen Zuschuß aus dem Fonds sehr notwendig zur Begleichung der Auslagen brauchen und bitte um gefl. Mitteilung deswegen, wenn ich bitten dürfte, möglichst bald, da die Rechnung bis spätestens 4.11.40 bezahlt werden muß. Frau Kunigunde Scherer Bertholdstr. 2 ½
Antwort der Direktion der Anstalt Werneck an Frau Kunigunda Scherer (Abschrift): Wir bedauern den Tod Ihrer Tochter Antonie. Die Räumung der Anstalt erfolgte auf Grund einer Anordnung des Reichsführers der SS, zum Zwecke der Aufnahme von Volksdeutschen aus Bessarabien. Die Kostenabrechnung erfolgte anfangs November. Leider sind wir nicht in der Lage, Ihnen den Betrag von 175,- RM zuzubilligen. Wir raten Ihnen, sich deshalb mit einem Gesuch an den Regierungspräsidenten in Würzburg zu wenden. Werneck, den 30.Oktober 1940 Direktion
Abschrift eines Briefes der Mutter nach Großschweidnitz: Würzburg, 28. Okt. 1941 Werter Herr Friedhofswärter! Anbei sende ich 2,- M. Sind Sie doch bitte so gut u. legen Sie ein Kränzchen oder 2 Erikastöckchen auf das Grab meiner verstorbenen Tochter Antonia Scherer. Sie ist verstorben voriges Jahr, also 16. Oktober 1940, nachdem sie gerade 12 Tage in der Anstalt war u. liegt nach Ihrer Angabe im 8. Quartier, 5. Reihe, 24. Grab. Mit bestem Dank im Voraus, Kgd. Scherer, Bertholdstr. 2 1/2. Zusatz Samtleben: Die Bertholdstraße wurde 1948 in St. Benedikt-Straße umbenannt (Geschichte der Stadt Würzburg, Bd. 3)
   
Quelle Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 631a Nr. 1284c, Personalbogen 5932
Standbuch des Bezirkskrankenhauses Werneck Aufnahmenr. 5932
Stadtarchiv Würzburg: Grundlisten, Adressbuch, Einwohnermeldebögen 1850-1920
Hauptstaatsarchiv Dresden Sign.10822 Nr. F5926 Krankengeschichte Werneck
Stadtarchiv Forchheim: Geburtsurkunde
Autorin / Autor Regine Samtleben
Paten
   
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