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Karola/Karoline Neustädter

   
geboren am 01.10.1872 in Wolfskehlen-Riedstadt
Straße  Uhlandstrasse 18
Stadtteil Sanderau
Todesdatum10.06.1942
TodesortFort V, Köln-Müngersdorf
   
am 01.12.1938 nach Duisburg-Hamborn und von dort vermutlich 1939 nach Köln gezogen, dann ins Sammellager Köln-Müngersdorf transportiert und verstorben am 10.6.1942 durch Flucht in den Tod
   
Karola/Karoline Neustädter war das vierte und jüngste Kind von Meyer Neustädter (1824-1890) und seiner Ehefrau Johanna, geb. Baum. Geboren wurde sie am 1.10.1872 wie ihre anderen Geschwister in Wolfskehlen im Lkr. Groß-Gerau/Hessen. Ihre beiden Brüder waren Adolf (1868-1942) und Siegmund Samuel (1870-1933). Mit der ältesten Schwester Pauline (1866-1942) sollte sie ihr ganzes Leben lang verbunden bleiben.
Karola/Karoline war wie ihre Schwester Korsettiere, beide hatten in Frankfurt am Main gearbeitet, bevor sie 1904 nach Würzburg kamen, um hier ein Korsetten-Spezialgeschäft an der Juliuspromenade 72 zu eröffnen. Ab 1924 verlagerten sie ihr Geschäft in der Domstraße 60. Ihre Wohnung befand sich von da ab in der Heidingsfelderstraße 18 (heute Friedrich-Spee-Straße). Das Geschäft bestand bis 1936, dann gaben es die beiden Frauen auf. Grund dafür könnte ihr Alter gewesen sein, denn Karoline war zu diesem Zeitpunkt 64 und Pauline 72 Jahre alt. Doch dürfte der Druck durch die Nationalsozialisten ihre Entscheidung mit beeinflusst haben. Ihr Geschäft wurde von neuen Besitzern betrieben.
1933 waren beide Frauen in die Uhlandstraße 18 gezogen. Am 22. November 1938 wurde Karoline denunziert, in einer Wäscherei gestohlene Wäsche abgegeben zu haben. Bei der Befragung in ihrer Wohnung erklärte Karoline Neustädter, dass die vier (!) Handtücher mit Wäschezeichen von Hotels und Gastronomie aus München ca. 1935 bei einer bekannten Würzburger Firma legal gekauft worden waren. Der Inhaber dieser Firma bestätigte diese Aussage. Er habe die benannten Firmen früher mit Handtüchern in großen Mengen beliefert und die beiden Frauen hätten sogenannte Muster erworben. Die Kriminalpolizei sah keinen Grund mehr, diese Angelegenheit weiter zu verfolgen und legte alles am 24. November 1938 zu den Akten.
Diese Aktion verhieß nichts Gutes und so entschlossen sich Karoline und Pauline Neustädter, Würzburg am 1.12.1938 zu verlassen, um nach Duisburg-Hamborn zu ziehen, wo noch ihr Bruder Adolf mit seiner Frau lebte. Der jüngste Bruder Siegmund war im November 1933 von Hitlerjungen erschlagen worden. Seine Frau Selma war 1936 verstorben. Während zwei Kinder des Paares in die USA entkommen konnten, war die Tochter Hedwig Rosenthal mit ihrem Mann Erich Rosenthal und Sohn Karl Friedrich schon 1933 in die Niederlande emigriert. Diese Nichte hatte Karoline und Pauline als junges Mädchen in Würzburg besucht. Als auch Adolf Neustädter mit seiner Frau Sophie und seinen Kindern im März 1939 in die Niederlande gingen, blieben die beiden Schwestern alleine zurück.
Karoline und Pauline Neustädter zogen nach Köln in die Mozartstraße 24, wo sie Freunde hatten. Schlussendlich wurden sie 1942 in das Sammellager Fort V in Köln-Müngersdorf gebracht. Dort waren die Menschen katastrophalen Bedingungen ausgesetzt. Am 15. 06.1942 sollte von Köln aus ein Deportationszug nach Theresienstadt abgehen. Am 10. Juni 1942 wählte Karoline/Karola Neustädter 70-jährig den Freitod, wie ihre Schwester am Tag davor.
Ihr Bruder Adolf, seine Frau Sophie sowie ihre Nichte Hedwig Rosenthal, geb. Neustädter, mit Familie wurden von Westerbork aus nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 8636;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 411-412; Karteikarten dazu im JSZ;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1904 bis 1939 und Grundlisten Juliuspromenade 72, Uhlandstraße 18 sowie Meldebogen Karoline Neustädter;
Stadt Riedstadt/Hessen, Standesamt, Auskunft von Frau Kiroff (30.07.2019);
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de936983 (23.05.2019);
Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich im Namensverzeichnis des Gedenkbuchs;
Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, Angaben zu Karoline Neustädter und ihren Angehörigen, www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank (23.05.2019);
Geni.com, https://www.geni.com/people/Karoline/6000000061393814977 (23.05.2019);
Bürgerverein Köln-Müngersdorf e.V. https://www.buergerverein-koeln-muengersdorf.de/ortsgeschichte/gedenkort-deportationslager/ (23.05.2019);
Stolpersteine in Duisburg. Wir erinnern an Naziopfer und zwei Täter. Evangelischer Kirchenkreis Duisburg, Evangelisches Familienbildungswerk, https://ebw-duisburg.de/fileadmin/user_upload/ev_duisburg/pdf/Stolpersteine_1.pdf S. 26 -27 (23.05.2019);
Joods monument, https://www.joodsmonument.nl/en/page/118990/hedwig-rosenthal-neustadter, https://www.joodsmonument.nl/en/page/118867/adolf-neustadter (02.08.2019)
Autorin / Autor Elke Wagner
Paten Frau Sabine Bühner-Albert
   
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