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Pauline Neustädter

   
geboren am 19.04.1864 in Wolfskehlen-Riedstadt
Straße  Uhlandstrasse 18
Stadtteil Sanderau
Todesdatum09.06.1942
TodesortFort V, Köln-Müngersdorf
   
am 01.12.1938 nach Duisburg-Hamborn und von dort vermutlich 1939 nach Köln gezogen, dann ins Sammellager Köln-Müngersdorf transportiert und verstorben am 9.6.1942 durch Flucht in den Tod
   
Pauline Neustädter (Jg.1864) war das erste Kind von Meyer Neustädter (1824-1890) und seiner Ehefrau Johanna, geb. Baum. Paulines Vater war als Kaufmann tätig und die Familie lebte in Wolfskehlen im Lkr. Groß-Gerau. Nach ihr wurden ihre beiden Brüder Adolf (1868-1942) und Siegmund Samuel (1870-1933) sowie als jüngstes Kind ihre Schwester Karola/Karoline (1872-1942) geboren.
Zusammen mit ihrer Schwester gründete Pauline Neustädter 1904 in Würzburg in der Juliuspromenade 72 ein Korsettwarengeschäft. Zuvor war sie mit Karoline wahrscheinlich bei ihrem Bruder Adolf in Frankfurt am Main als Verkäuferin tätig und ging nun den Weg in die Selbstständigkeit. Das Geschäft „Geschwister Neustädter Korsettenhaus“ bestand 20 Jahre in der Juliuspromenade 72, dann eröffnete es ab 1924 in der Domstraße 60. Bis 1936 blieb es unter ihrem Namen an dieser Adresse, danach wurde es von neuen Besitzern betrieben. Man kann vermuten, dass die beiden Frauen aus Altersgründen aufhörten, Pauline war 72 und ihre Karoline 64 Jahre alt, aber auch aufgrund der Boykottmaßnahmen durch die Nationalsozialisten.
Im November 1938 hatte ihre Schwester Wäsche zum Waschen in eine Wäscherei gebracht. Auf Teilen der Handtücher waren Wäschezeichen aufgebracht, so z.B. „Hotel Kaiserhof München“, was als Anlass gesehen wurde, die beiden Frauen zu denunzieren, denn sie konnten die vier (!) Handtücher nur gestohlen haben. Folglich erschien die Kriminalpolizei in der Wohnung Uhlandstraße 18. Die Befragung ergab, dass die Handtücher ca. drei Jahre zuvor bei einer bekannten Würzburger Firma gekauft worden waren. Der Inhaber dieser Firma bestätigte die Aussagen von Pauline und Karoline. Er erklärte, dass er die benannten Firmen früher mit Handtüchern in großen Mengen beliefert habe und die beiden Frauen hätten später sogenannte Muster erworben. Der Vorwurf des Diebstahls wurde fallen gelassen und der „Fall“ am 24. November 1938 abgeschlossen.
Pauline und ihre Schwester zogen die Konsequenzen daraus. Sie verließen Würzburg am 1.12.1938 und zogen nach Duisburg-Hamborn, wo ihr Bruder Adolf mit seiner Familie lebte. Ihr jüngerer Bruder Siegmund war im November 1933 von Hitlerjungen erschlagen worden, seine Frau Selma war 1936 verstorben. Im Frühjahr 1939 gelang Adolf Neustädter und seiner Familie die Flucht in die Niederlande, wohin die Tochter ihres Bruders Siegmund mit Mann und Kind schon seit 1933 emigriert waren. Die 75jährige Pauline Neustädter blieb mit ihrer Schwester zurück. Sie zogen dann nach Köln, Mozartstraße24, wo sie Freunde hatten. 1942 wurden sie in das Sammellager Fort V, Köln-Müngersdorf verbracht. Dort herrschten katastrophale Zustände. Zum 15. Juni 1942 war ein Transport nach Theresienstadt vorgesehen.
Pauline floh am 9. Juni 1942 im Fort V in den Tod, ihre Schwester Karoline einen Tag später. Ihr Bruder Adolf wurde zusammen mit seiner Frau 1942 von Westerbork nach Auschwitz transportiert und dort ermordet. Das gleiche Schicksal erlitten ihre Nichte Hedwig Rosenthal mit ihrem Mann und dem 16jährigen Sohn.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 411-412; Karteikarten dazu im JSZ;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1904 bis 1939 und Grundlisten Juliuspromenade 72, Uhlandstraße 18, Meldebogen Pauline Neustädter;
Stadt Riedstadt/Hessen, Standesamt, Auskunft Frau Kiroff (30.07.2019);
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de936995 (23.05.2019);
Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich im Namensverzeichnis des Gedenkbuchs;
Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, Angaben zu Pauline Neustädter und ihren Angehörigen, www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank (23.05.2019);
Geni.com, https://www.geni.com/people/Pauline/6000000061394951892 (23.05.2019);
Bürgerverein Köln-Müngersdorf e.V. https://www.buergerverein-koeln-muengersdorf.de/ortsgeschichte/gedenkort-deportationslager/ (23.05.2019);
Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 8636;
Stolpersteine in Duisburg. Wir erinnern an Naziopfer und zwei Täter. Evangelischer Kirchenkreis Duisburg, Evangelisches Familienbildungswerk, https://ebw-duisburg.de/fileadmin/user_upload/ev_duisburg/pdf/Stolpersteine_1.pdf S. 26 -27 (23.05.2019);
Joods monument, https://www.joodsmonument.nl/en/page/118990/hedwig-rosenthal-neustadter;
https://www.joodsmonument.nl/en/page/118867/adolf-neustadter (02.08.2019)
Autorin / Autor Elke Wagner
Paten Frau Sabine Bühner-Albert
   
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