Ausgegrenzte

Als Asoziale bezeichneten die Nationalsozialisten gesellschaftliche Außenseiter oder wie sie es nannten Gemeinschaftsfremde. Dazu gehörten Wohnungslose, Umherziehende, Prostituierte, Menschen mit ansteckenden Geschlechtskrankheiten, Trunksüchtige, Arbeitsscheue, Arbeitsverweigerer, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kleinkriminelle, sogar vorbestrafte Juden. 

Als Berufsverbrecher galten schon Menschen, die mehrfach wegen kleinerer Delikte wie Einbruch, Diebstahl oder Hehlerei vorbestraft waren. 

Das von der Norm abweichende Verhalten dieser Menschen wurde als gesellschafts- und staatsfeindlich deklariert. Sie wurden als erblich belastet angesehen und das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlaubte ihre Zwangssterilisation. 

Schon 1933 gingen die Nationalsozialisten mit einer „Bettlerrazzia“ gegen die „Asozialen“ vor, die sie in Arbeitshäuser und bei deren Überfüllung in Konzentrationslager brachten. 

In Preußen, später auch in anderen Bundesländern,verschärften sie das Strafmaß für alle Vergehen. Außerdem konnten die Richter für Häftlinge mit mehreren geringen Vorstrafen direkt nach Beendigung der Haft eine Sicherungsverwahrung in Anstalten oder Gefängnissen anordnen. Dabei hatten sie einen großen Ermessensspielraum. War keine Sicherungsverwahrung vorgesehen, durfte die Kriminalpolizei die Häftlinge sofort nach der Entlassung in Vorbeugehaft nehmen und in Arbeitshäuser oder Erziehungsanstalten bringen. Die Verurteilten wurden also doppelt bestraft. Vorbestrafte, die sich auf freiem Fuß befanden, wurden von der Kriminalpolizei überwacht und mussten bestimmte Auflagen erfüllen. Taten sie das nicht, drohte die Einweisung in ein Konzentrationslager.  

Der Grunderlass über “Vorbeugende Verbrechensbekämpfung“  1937 brachte eine reichseinheitliche Regelung der Vorbeugehaft gegen „Berufsverbrecher“ und deren polizeiliche Überwachung sowie die Ausdehnung der Vorbeugehaft auf „Asoziale“, „wenn sie durch asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährden“ Sie konnten nun zwangsweise in Konzentrationslager eingewiesen werden und durften ohne Justizurteil dauerhaft weggesperrt werden. Damit wurden fundamentale rechtsstaatliche Prinzipien verletzt. 

1937 kam es zu einer großen Aktion gegen Berufsverbrecher, die man auf Grund ihrer Vorstrafen  in Konzentrationslager brachte Bei der Aktion Arbeitsscheu Reich 1938 verhafteten Gestapo und Kriminalpolizei ca. 10.000 Menschen, die sofort als Schutz oder Vorbeugehäftlinge mit der Bezeichnung „Berufsverbrecher“ in Konzentrationslager eingewiesen wurden. Eine Haftüberprüfung fand nicht mehr statt. Man vermutet, dass mit diesen Aktionen Arbeitskräfte beschafft werden sollten. Außerdem hoffte man die Arbeitsdisziplin der Bevölkerung aus Angst vor einer Einweisung zu verbessern. 

Eine große Zahl von Erlassen und Verordnungen sollten die Verfolgung der Asozialen und Berufsverbrecher sowie ihre Einweisung in die Konzentrationslager legitimieren. Beteiligt waren neben der Kriminalpolizei die Arbeits-, Fürsorge- und Wohlfahrtsämter sowie karitative Verbände und andere Organisationen, die ihre Informationen zur Verfügung stellten oder selbst Anzeige erstatteten.Für die Einweisung von Frauen, die vor allem wegen Prostitution, Trunksucht oder kleineren Vergehen verhaftet wurden, spielten die Gesundheitsämter mit ihren Daten eine große Rolle. Manchmal genügte auch schon die Anzeige durch Privatpersonen für die Verhaftung. 

Mit Kriegsbeginn wurden die Vorbeugehaftmaßnahmen nochmals verschärft. So sollten jetzt alle aus dem Gefängnis Entlassenen, die zu mehr als 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren, nach Verbüßen ihrer Strafe in Vorbeugehaft genommen werden. 

1942 beschlossen Justizminister Otto Thierack und Heinrich Himmler die „Auslieferung asozialer Elemente aus dem Strafvollzug an den Reichsführer SS zur Vernichtung durch Arbeit.“  

Ab 1943 wurden auch in den Heil- und Pflegeanstalten Sicherungsverwahrte in Hinblick auf ihre Arbeitsfähigkeit überprüft und zur Vernichtung ins KZ gebracht. So auch aus der Anstalt Lohr am 30.3.1944 

Spätestens ab 1938 bildeten die Asozialen die größte Gruppe in den Konzentrationslagern. Man kennzeichnete sie mit einem schwarzen Winkel auf der Kleidung. Da sie sich in den Lagern nicht als Gruppe verstanden, gab es unter ihnen kaum Zusammenhalt. Zudem wurden sie von der Wachmannschaft besonders brutal behandelt. In der Häftlingshierarchie standen sie ganz unten und wiesen die höchste Sterblichkeitsrate auf. Berufsverbrecher wurden mit einem grünen Winkel gekennzeichnet. Die meisten hatten vor ihrer Inhaftierung keine schweren Gewalttaten begangen.  

Man weiß bis heute nicht, wie viele Menschen mit schwarzem und grünem Winkel bis 1945 in den Konzentrationslagern inhaftiert waren und gestorben sindMan schätzt mehrere Zehntausend Männer und etwa 5000 Frauen. 

Jahrzehntelang wurde das an diesen Menschen begangene Unrecht nicht gesehen. Eine Wiedergutmachung stand nur „rassisch, religiös und weltanschaulich Verfolgten“ zu. Viel zu spät, erst am 13. Februar 2020 wurden ihre Ansprüche vom Deutschen Bundestag anerkannt. 

 

Literatur: 

Ayaß Wolfgang: „Asoziale“ im Nationalsozialismus 

Stuttgart: Klett-Cotta, 1995 

Hörath Julia: „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagen 1933 bis1938 

Vandenhoeck &Rupprecht 2017 

Lieske Dagmar: Unbequeme Opfer? „Berufsverbrecher“ als Häftlinge im KZ Sachsenhausen 

Metropol Verlag 2016 

Götz Aly: Die Belasteten

1.Fischer 2013