Jüdinnen und Juden

1933 – 1938: HETZE – ENTRECHTUNG – ENTEIGNUNG

1933 lebten 2.145 jüdische Bürger in Würzburg, was einem Anteil von 2% der Bevölkerung entsprach. Sie arbeiteten überwiegend im Dienstleistungssektor – im Handel und in juristischen und medizinischen Berufen und viele ledige Frauen als Dienstmädchen und Haushaltshilfen. Es gab sieben Synagogen, darunter eine sehr alte, barocke in Heidingsfeld (seit 1930 Stadtteil von Würzburg) und die große Würzburger Synagoge in der Domerschulstraße.  In der Bibrastraße 6, im selben Areal befand sich die ehemalige Lehrerbildungsanstalt, die ab 1939 als Schule für die verbliebenen jüdischen Kinder und gleichzeitig als Sammellager genutzt wurde. Das reiche religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Leben der Gemeinde wurde durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten erschüttert und angetrieben von Hass, Neid und schließlich offener Gewalt vernichtet.

Schon am 11. und 12. März 1933 gab es gewalttätige Ausschreitungen gegen jüdische Geschäftsleute – Autos wurden beschlagnahmt, Geschäfte geschlossen und Menschen geschlagen. Am 1. April beteiligten sich die Würzburger aktiv beim offiziellen reichsweiten Tag des Boykotts jüdischer Geschäfte.

Der Entzug der Lebensgrundlage der Menschen wurde durch das Regime in Erlasse und Gesetze gegossen, um „Rechtssicherheit“ vorzutäuschen. So wurde im Juli 1933 ein Gesetz verabschiedet, das es dem Staat ermöglichte, die Staatsbürgerschaft abzuerkennen und „volks- und staatsfeindliches“ Vermögen einzuziehen. Damit war die Basis für Enteignungen und die sogenannte Arisierung geschaffen.

Entscheidend für die weitere Ausgrenzung waren die Nürnberger Gesetze von 1935, in denen die jüdische Bevölkerung zu Bürgern ohne volle Rechte wurden. Im „Arierparagraphen“ wurde der Begriff „Jude“ biologistisch definiert. Es erging u.a. ein Verbot von Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden, was christlich-jüdische Ehepartner in große Unsicherheit stürzte. Traf ein Jude oder eine Jüdin einen nicht-jüdischen Partner, liefen sie Gefahr wegen „Rassenschande“ verhaftet zu werden, ins Zuchthaus zu kommen, von dort in „Schutzhaft“ genommen zu werden, was unweigerlich die Einweisung in ein Konzentrationslager bedeutete.

Bis 1938 wurde es immer schwerer frei zu leben, geschweige denn zu arbeiten oder über sein Vermögen zu bestimmen. Es gab keine Zukunft mehr für die jüdische Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland.

1938 – 1941: OFFENE GEWALT UND VERNICHTUNG DER EXISTENZ

Das Jahr 1938 sah die vollkommene Ausschaltung der Juden und Jüdinnen aus dem Wirtschaftsleben durch allgemeine Berufsverbote, durch die Arisierung großer und kleinerer Geschäfte, durch das Verbot Wertsachen oder ein Vermögen über 5.000 Reichsmark zu besitzen.

Die Reichspogromnacht am 9./10. November ist zum Symbol des Ausbruchs offener Gewalt gegenüber den jüdischen Mitmenschen geworden. Ein staatlich gesteuerter Mob brannte die Synagoge in Heidingsfeld nieder und zerstörte die Würzburger Synagoge, die man nicht anzündete, weil sie sich in einem eng bebauten Gebiet befand. Es wurden bei allen Übergriffen, auch auf die alte Lehrerbildungsanstalt in der Bibrastraße und die neue in der Sandbergstraße, die Thorarollen entweiht und geschändet. Der Mob demolierte Geschäfte und auch Wohnungen, trieb die jüdischen Männer durch die Straßen und schlug sie. 300 Männer wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald oder Dachau verbracht. Mindestens vier Menschen starben durch Selbstmord oder an den Folgen der Misshandlungen.

Nach dem Pogrom wurde der endgültige wirtschaftliche Ruin der Judenheit Deutschlands betrieben. So hatte die jüdische Bevölkerung die Kosten für die Schäden an den Synagogen, an ihren Geschäften und Wohnungen zu übernehmen und dazu noch eine „Sühneleistung“ von 1 Milliarde Reichsmark zu erbringen.

Ab 1939 verloren die Menschen ihr Wohnrecht, konnten jederzeit gekündigt werden und mussten erst in speziellen Wohnhäusern für „Juden“ und dann in Sammelunterkünften leben: In Würzburg waren dies die jüdischen Pflegeeinrichtungen in der Dürer – und Konradstaße und die ehemalige Lehrerbildungsanstalt in der Bibrastraße.

So ist es auch verständlich, dass viele Menschen auswanderten oder auswandern wollten. Bis 1937 emigrierten über 1.000 zumeist jüngere Menschen und nach 1938 versuchten dies nun auch viele, die lange gezögert hatten. Es gelang nicht mehr allen, da in vielen Ländern Zuwanderungsquoten existierten und v.a. alte Menschen keine Chance hatten oder andere es sich nicht leisten konnten. Ab 23. Oktober 1941 war die Auswanderung aus dem Deutschen Reich verboten.

1941 – 1945: DER WEG IN DIE VERNICHTUNG

Nach dem zweiten Kriegsjahr machte sich das Naziregime daran, die jüdische Bevölkerung Europas endgültig und systematisch zu vernichten. Ab September 1941 mussten alle Juden in den besetzten Gebieten und dem Reich den „Gelben Stern“ sichtbar tragen, die endgültige Stigmatisierung.

Im Oktober 1941 begannen die ersten Deportationen aus dem Reich in die besetzten Gebiete im Osten Europas. Auch aus Würzburg wurden am 27. November 1941 202 Menschen, darunter 41 Kinder und Jugendliche, nach Riga deportiert.
Im darauffolgenden Jahr 1942 folgten die großen Deportationen im April aus Kitzingen und Würzburg nach Izbica und Krasniczyn. Dies waren Durchgangslager im Raum Lublin, von denen aus die Menschen dann in die Vernichtungslager Belzec und Sobibór geschickt wurden. Niemand der mehr als 1.000 Menschen überlebte.
Es waren nun noch überwiegend ältere Menschen in Würzburg zurückgeblieben, die dann im September 1942 nach Theresienstadt transportiert wurden. Ihnen war vorgetäuscht worden, dass sie in ein „Heim“ gebracht würden, in dem sie ihren weiteren Lebensabend verbringen könnten. Dazu war es notwendig, das letzte verbliebene Geld für einen „Heimeinkaufsvertrag“ auszugeben, denn damit sollten sie ihren Aufenthalt finanzieren. Am 10. und 23. September wurden 740 Menschen, auch schwer kranke und über 90-jährige, mit Bussen zum Güterbahnhof Aumühle transportiert und direkt nach Theresienstadt gebracht.
Im Juni 1943 wurden die jüdischen Gemeinden Unterfrankens endgültig zerstört. Es waren deren verantwortliche Mitglieder, die am 17. Juni direkt nach Auschwitz in den Tod geschickt wurden. Eine weitere kleinere Gruppe kam nach Theresienstadt.

In der Schrannenhalle neben dem damaligen Stadttheater und im Platz’schen Garten mussten die Menschen vor ihrer Deportation erniedrigende Leibesvisitationen und Durchsuchungen ihres Gepäcks über sich ergehen lassen. Man machte auch keinen Halt vor Kindern und Alten. Es wurde ihnen alles genommen – ihr Besitz, ihre Zugehörigkeit, ihre Würde und ihre Namen. Sie wurden zu Nummern.

63 Menschen aus Unterfranken, die in Riga oder Theresienstadt gewesen waren, haben überlebt.
Die „endgültige Vernichtung“ der Juden Europas gab es nicht!