Jüdische Opfer

Jüdische Bürger Würzburgs – die größte Opfergruppe (Rotraud Ries) 

Rückblick 

Um das Jahr 1100 waren die ersten Juden nach Würzburg gekommen und bildeten bald eine bedeutende Gemeinde – bis 1298, als eine Reihe schwerster Pogrome begann. Seitdem haben Juden nur mit Unterbrechungen in der Stadt am Main leben können und seit dem 16. Jahrhundert gar nicht mehr. Zum neuen jüdischen Zentrum wurde nun Heidingsfeld. 

 Ab 1803 sollte sich das ändern, in Würzburg entstand die Gemeinde der Neuzeit. Sie wuchs nach 1861 auf bis zu 2.500 Mitglieder an, gründete Schulen, die Israelitische Lehrerbildungsanstalt, Krankenhaus und Altersheim. Ihre Mehrheit war moderat orthodox ausgerichtet. Die meisten Juden waren im Handel tätig, viele im Bereich Wein- und Textilhandel. Doch bereits in den 1920er Jahren machte sich Antisemitismus breit. 

NS-Zeit 

Erste Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte fanden schon im März 1933 statt, kurz nach Beginn der NS-Herrschaft. Es folgte der Boykott am 1. April mit aller Härte.Zu dieser Zeit lebten 2.145 jüdische Bürger in der Stadt. Schnell griffen auch in Würzburg die Gesetze des NS-Staates, die Juden aus dem öffentlichen Dienst entfernten, ihnen die Ausbildung an Universitäten und Schulen bald unmöglich machten. Seit 1935 mussten jüdische Geschäfte und Firmen geschlossen oder verkauft („arisiert“) werdenMehr als 1.100 Menschen zogen bis 1937 fort oder wanderten aus. Dabei verloren sie meist ihren kompletten Besitz. 

Der 9./10. November 1938 zeigte dann endgültig und unmissverständlich, dass der NS-Staat es ernst meinte mit der Verfolgung der Menschen und der Zerstörung ihres Besitzes. Die Würzburger Synagoge wurde verwüstet, die in Heidingsfeld niedergebrannt, zahllose Wohnungen und Geschäfte demoliert. Knapp 300 Männer wurden verhaftet und anschließend ins KZ nach Buchenwald oder Dachau verschleppt. Mindestens vier Menschen starben.  

Spätestens jetzt bemühte sich jeder um die Emigration, 1938 und 1939 verließen noch einmal knapp 1.000 Menschen die StadtGleichzeitig suchten viele Juden aus der ganzen Region hier Zuflucht und wanderten zuDie Lebensmöglichkeiten wurden mehr und mehr eingeschränkt, die meistenHaushalte mussten ihre Wohnungen oder Häuser verlassen und in Häuser umziehen, wo nur noch Juden wohnten.Am Ende landeten dann viele in den überfüllten Sammelunterkünften in der Dürerstraße 20, in der Konradstraße 3 und in der Bibrastraße 6. Dort wurden vor allem die Menschen untergebracht, die aus ihren Heimatorten vertrieben worden warenIn der Bibrastraßebestandaber auch noch bis 1942 die jüdische Volksschule. 

Jüdinnen und Juden, die jetzt noch in Würzburg waren, hatten keine Chance mehr, der Vernichtungspolitik zu entrinnen. Bis zum Frühjahr 1942 wurdeder „arbeitsfähige“ Teil der jüdischen Bevölkerung mit Familien abtransportiert. Am 27. November 1941 traf es eine erste Gruppe jüdischer Bürger Würzburgs mit 202 Personen, darunter 41 Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 21 JahrenNach erniedrigenden Kontrollen in der Stadthalle am Theater liefen die Menschen nachts von dort zum kleinen Güterbahnhof an der Aumühle und wurden über Nürnberg nach Riga deportiertNur 16 von ihnen konnten nach Kriegsende zurückkehren. Es folgten zwei weitere Transporte mit mehr als 1.000 Menschen aus ganz Unterfranken im Jahr 1942 ins besetzte Polen,von Kitzingen nach Izbica und von Würzburg nach Krasniczyn.96 Menschen, die zuletzt in Würzburg gelebt hatten, gehörten dazu. In den Durchgangslagern im Raum Lublin herrschte der blanke Terror, es gab fast nichts zu essen und jeder kämpfte gegen jeden. Wer nicht in den Lagern starb, wurde nach kurzer Zeit in den Vernichtungslagern der Region, in Belzecoder Sobibor umgebracht. Niemand überlebte 

Zurück blieben in Unterfranken die alten Menschen, die nun oft aus ihren Heimatorten vertrieben und in den größeren Gemeinden, besonders in Würzburg konzentriert wurden. Sie wurden im September mitzwei Transportennach Theresienstadt deportiert. Viele starben dort aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen an Hunger und mangelnder medizinischer Versorgung, andere wurden weiter nach Auschwitz transportiert und dort ermordet. Die letzte Gruppe der jüdischen Bevölkerung, die Funktionsträger der jüdischen Gemeinde in Würzburg, die bis zuletzt das Leben der Gemeinschaft aufrecht erhalten hatten, kamen zum Abschluss der Deportationen an die Reihe. Sie waren von der Gestapo zur Organisation der Deportationen herangezogen worden.Im Juni 1943 wurden sie mit zwei Transporten nach Auschwitzund Theresienstadt abtransportiert und meist sofort ermordetNur drei weitere Personen, die in sog. Mischehe gelebt hatten, folgten noch 1944, ebenfalls nach Theresienstadt. 

Von insgesamt 942Deportierten befand sich der letzte Wohnsitz in Würzburgetwa die Hälfte von ihnen hatte bereits 1933 dort gewohnt. Nur 53 von ihnen überlebten. Viele weitere aus Würzburg stammende Juden haben die Nationalsozialisten von anderen deutschen Städten oder aus Holland, Belgien oder Frankreich in die Vernichtungslager transportiert. Genaue Zahlen dazu gibt es jedoch nicht. 

Von den insgesamt 63 unterfränkischen Überlebenden kamen seit Juni 1945 einige nach Würzburg zurück. Als sich im November des Jahres die Gemeinde wieder gründete, bestand sie aus 42 Rückkehrern aus Unterfranken, 5 aus anderen deutschen Städten und 20 aus Osteuropa. 28 hatten 1938 bereits in Würzburg gewohnt.Mit Unterbrechungen gibt es also seit etwa 900 Jahren jüdisches Leben in Würzburg. 

  Datum Ausgangsort Personen aus Unterfranken Zwischenhalt weitere Personen Gesamtzahl Deportationsziel Überlebende Unterfranken
1. 27.11.1941 Würzburg 202 Nürnberg 806 1.008 Riga-Jungfernhof 16
2. 24.03.1942 Column 3 Value 2 208 Nürnberg 792 1.000 Izbica 0
3. 25.04.1942 Würzburg 852 Bamberg 103 955 Krasniczyn 0
4. 10.09.1942 Würzburg 177 Nürnberg 823 1.000 Theresienstadt 10
5. 23.09.1942 Würzburg 563 Hof 118 681 Theresienstadt 34
6. 17.06.1943 Würzburg 57 Nürnberg 16 73 Auschwitz            (-Birkenau) 0
7. 17.06.1943 Würzburg 7 Nürnberg 29 36 Theresienstadt 1
8. 17.01.1944 Würzburg 2 Nürnberg 13 15 Theresienstadt 1
9. 08.12.1944 Würzburg 1 Nürnberg   1 Theresienstadt 1
Gesamt     2.069     4.769   63

Deportationen aus Mainfranken 1941-1944

Quelle: Elmar Schwinger, Deportation und Vernichtung – das Ende der mainfränkischen Juden 1941-1944, in: Rotraud Ries/ Elmar Schwinger (Hgg.), Deportationen und Erinnerungsprozesse in Unterfranken und an den Zielorten der Transporte, Würzburg 2015, S. 11-50, hier S. 13; die Zahlen für den 5. Transport wurden nachträglich durch den Autor korrigiert, weitere Korrekturen ergaben sich im Zuge der systematischen Erfassung der Deportierten in der Datenbank “Jüdisches Unterfranken”. 

Genauere Informationen zur Durchführung der Deportationen mit Zeitzeugenaussagen, Texten, Fotos, Links zu einem Video und einer online-Ausstellung,erhalten Sie in der WebApp „Stationen“ zum unterfränkischen Erinnerungsweg in Würzburg. 

  1. Vorgeschichte
  2. Vorbereitungen zur Deportation
  3. Erzwungene Kooperation der jüdischen Gemeinde
  4. Deportationswege in Würzburg
  5. Abfahrt und Ziele 

Die Website zum künftigen DenkOrt Deportationen bietet Ihnen Informationen zu den einzelnen Opfern der unterfränkischen Deportationen. Der Zugriff erfolgt über die Orte, in denen die Menschen 1933 wohnten: https://denkort-deportationen.de/orte/. Alle weiteren Opfer, die von auswärts deportiert, individuell verfolgt oder als Kranke ermordet wurden, sollen in den kommenden Jahren systematisch ermittelt werden.