Religiös Verfolgte

Die Nationalsozialisten verboten schon kurz nach der Machtübernahme in den meisten Ländern die „Internationale Bibelforscher-Vereinigung“ zu der auch die Zeugen Jehovas gehörtenDereabsolute Loyalität gegenüber den biblischen Geboten führte zum Konflikt mit dem nationalsozialistischen Regime, das für sich unbedingten Gehorsam forderte. Das biblische Gebot „Du sollst nicht töten“ veranlasste die Zeugen Jehovas dazu den Wehrdienst abzulehnen. Da das Heil nur von Gott kommen konnte, durfte ein Mensch nicht mit „Heil“ gegrüßt werden, also wurde der Hitlergruß verweigert. Sie nahmen weder an Wahlen noch an Spendenaktionen teil und lehnten die Mitgliedschaft in NS-Organisationen wie z. B. die „Deutsche Arbeitsfront“ ab, was für sie oft den Verlust ihres Arbeitsplatzes zur Folge hatte. Ihre Einstellung zur Gleichheit der Menschen vor Gott widersprach der Rassenlehre der Nationalsozialisten. Man unterstellte ihnen die Nähe zum Judentum und betrachtete sie als „Wegbereiter des jüdischen Bolschewismus“. Wegen dieser abweichenden Weltsicht wurden sie von den Nationalsozialisten als Staatsfeinde angesehen und verfolgt. 

Nachdem die Zeugen Jehovas reichsweit verboten worden waren, richtete man in der Berliner Zentrale der Geheimen Staatspolizei ein Sonderreferat zur Bekämpfung der Glaubensgemeinschaft ein. 1936/37 machten sie mit Flugblattaktionen auf ihre Unterdrückung aufmerksam, was zu einer weiteren Verschärfung der Verfolgungsmaßnahmen führte. Es kam zu Massenfestnahmen. Sondergerichte verurteilten die Festgenommenen zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen. Funktionäre und „Wiederholungstäter“ nahm die Gestapo danach in Schutzhaft und brachte sie in Konzentrationslager. Auch Wehrdienstverweigerer wurden bestraft. Lag das Strafmaß für sie zunächst bei zwei Jahren, wurde es nach Kriegsbeginn in die Todesstrafe umgewandelt.  

Zu Kriegsbeginn war ein beträchtlicher Teil der Häftlinge in den Konzentrationslagern Angehörige der Glaubensgemeinschaft. Bei den inhaftierten Frauen, die in das Konzentrationslager Moringen kamen, bildeten sie sogar die größte Gruppe. Zur Kennzeichnung erhielten sie als einzige Weltanschauungsgemeinschaft eine eigene Kategorie und wurden mit einem lila Winkel gekennzeichnet. Bei der Einweisung brachte man sie in Sonderlagern unter oder steckte sie drei Monate in Strafkompanien, wo sie Prügelstrafen und verbale Demütigungen erleiden mussten. Später wurden sie in eigenen Barracken untergebracht. Durch die besonders schlechte Behandlung versuchte die SS sie von ihrem Glauben abzubringenAb 1937 gab man den Zeugen Jehovas sogar die Möglichkeit eine „Verpflichtungserklärung“ zu unterschreiben, was jedoch bedeutet hätte, dass sie ihren Glauben als Irrlehre anerkannt hättenSie sind die einzige Häftlingsgruppe, denen man das Verlassen des Konzentrationslagers angeboten hat. 

Aufgrund ihres ausgeprägten Gemeinschaftsgeistes konnten die Zeugen Jehovas den harten Lageralltag besser meistern als andere Häftlingsgruppen und Überlebensstrategien entwickeln. Sie blieben unter sich und beteiligten sich nicht am Widerstand. Da sie aus Glaubensgründen eine Flucht ablehnten – das Schicksal des Menschen liegt in Gottes Hand- konnten sie bei der SS in den letzten Jahren vor Kriegsende Vertrauensstellungen erringen. 

Von den über 2.800 in Konzentrationslagern Inhaftierten kamen etwa  1.000 Frauen und Männer ums Leben.