Opfergruppe Homosexuelle

Schon im Deutschen Kaiserreich wurden homosexuelle Männer verfolgt und mit bis zu sechs Monaten Freiheitsstrafe bedroht. Unter der Naziherrschaft wurde die Strafbarkeit deutlich ausgeweitet und die Strafe auf  bis zu zehn Jahren erhöht. Hitler sah Homosexualität als ein „entartetes“ Verhalten, das die Leistungsfähigkeit des Staates und den männlichen Charakter des deutschen Volkes bedrohe. Schwule Männer wurden als „Volksfeinde“ denunziert. Man beschuldigte sie, Verschwörercliquen und einen „Staat im Staate“ zu bilden, die öffentliche Moral zu zerrütten und die Geburtenrate in Deutschland zu gefährden. Etwa 50 000 Männer wurden bis 1945 nach diesem verschärften Gesetz verurteilt, ungefähr 15 000 wurden nach Haftverbüßung in ein KZ eingewiesen, wo etwa die Hälfte von ihnen, also ungefähr 7500, ermordet wurden.

Mit der Ermordung Röhms war die Bahn frei für die von Himmler angestrebte Verfolgungspolitik. Im Geheimen Staatspolizeiamt (Gestapa) in Berlin wurde bereits im Juli 1934 ein Sonderdezernat II 1 S eingerichtet, das sich mit der Nachbearbeitung des „Röhm-Putsches“ beschäftigte und seine Aktivitäten bald auf die Bekämpfung der Homosexualität konzentrierte. Zweifellos sah Himmler die größte Gefahr in jenen Homosexuellen, die in Staat und Partei in Amt und Würden standen. Doch die Verfolgungsmaßnahmen, die die Gestapo im Herbst 1934 einleitete, richteten sich ohne Ansehen der Person gegen alle mutmaßlich homosexuellen Männer. Im Dezember 1934 begann die Gestapo in Berlin, Razzien auf Homosexuelle durchzuführen. In den folgenden Monaten wurden hunderte, wahrscheinlich sogar mehrere tausend homosexuelle Männer verhaftet und in die frühen Konzentrationslager Columbiahaus in Kreuzberg und Lichtenburg deportiert.

In den folgenden Jahren wurde die Homosexuellenverfolgung weiter professionalisiert und institutionalisiert. 1936 schuf Heinrich Himmler die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung. Razzien an Treffpunkten Homosexueller, Wohnungsdurchsuchungen und sogenannte „verschärfte Vernehmungen“ gehörten zu den bevorzugten Ermittlungsmethoden von Gestapo und Kriminalpolizei, um lokale Verfolgungswellen zu inszenieren. Ein besonderes Augenmerk hatten die Beamten dabei auf Strichjungen, die einen guten Einblick in die Homosexuellenszene hatten und viele Männer belasten konnten. Aber auch „gewöhnliche“ Homosexuelle wurden in den Verhören so unter Druck gesetzt, dass viele schließlich die Namen ihrer Freunde preisgaben.

Einige Opfer dieser mörderischen Praxis konnten auch in Würzburg ermittelt und mit Stolpersteinen bedacht werden. Unter anderem ist der unbeugsame Mut Dr. Leopold Obermayers hervorzuheben, der nach einem neunjährigen Martyrium in verschiedenen Haftanstalten und KZs 1943 in Mauthausen ermordet wurde. 

Nach dem von den Nazis verschärften Strafrechtsparagraphen wurden bis 1969 in der Bundesrepublik nach diesem Paragrafen weitere 50 000 Männer verurteilt.

Nicht nur schwule Männer, auch lesbische Frauen litten im „Dritten Reich“. Weibliche Homosexualität war zwar nicht in dem Maße strafbar, es gab keinen Strafparagrafen, trotzdem wurde weibliche Homosexualität gesellschaftlich geächtet und entsprach nicht dem „gesunden Volksempfinden“.

Allein der Verdacht gegen Frauen reichte für polizeiliche Ermittlungen, Hausdurchsuchungen, Verhöre und andere Maßnahmen. Wenn einzelne Frauen ins Visier des Regimes gerieten, mussten auch sie mit Repressionen rechnen, vom Verhör bis zur KZ-Haft. Unbekannt ist bis heute wie viele Frauen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Unrecht angetan wurde bzw. zu Tode kamen. Auch wenn sie nicht im selben Ausmaß und auf ähnliche Weise verfolgt wurden wie homosexuelle Männer, es hat diese Frauen gegeben und auch sie haben Leid erfahren.